Von der kleinen Bude zur großen Agentur – ein Rückblick auf mehr als ein Jahrzehnt Agenturleben

14.02.2017 Carsten Müller

Agenturleben – ein Begriff, zu dem es eine Vielzahl an Ergebnissen in sozialen Netzwerken und Suchmaschinen gibt. Nach über elf Jahren bei Cocomore kenne ich die echte Bedeutung dieses Begriffs und was sich wirklich dahinter verbirgt. Kurz gesagt: Das Arbeiten in einer Agentur ist eine Welt für sich. Wenngleich ich zugeben muss, dass mein Fundus an Vergleichserfahrungen relativ beschränkt ist und sich auf Studienzeit, Praktikum und Diplomarbeit sowie die Berichte meiner Frau, meiner Freunde und von Kunden bezieht. Daher ist es für mich an der Zeit, eine andere Perspektive kennenzulernen und Cocomore zu verlassen. Bevor ich gehe, möchte ich hier einige meiner Erfahrungen der vergangenen Jahre teilen. Und wer weiß, vielleicht kann ich ja später auch noch eine Fortsetzung dieses Beitrags aus einer anderen Perspektive beisteuern.

Cocomore Team

 

Der Aufbau unserer IT-Abteilung

Ein Jahrzehnt ist schon eine sehr lange Zeit. Doch wie immer, wenn einem nicht langweilig ist, vergeht sie wie im Flug. Und langweilig war mir während meiner Zeit bei Cocomore eigentlich nie. Die Arbeit in einer Agentur bietet genügend Herausforderungen, Abwechslung und Dynamik, um jeder Form von Stumpfsinn oder Langeweile vorzubeugen. Und ich glaube, dies ist – neben meinem tollen Team – genau der Grund, warum ich so lange dabei war. Klar, dass Agenturleben kann manchmal auch sehr stressig sein, aber auf diese Weise konnte ich sehr schnell sehr viel lernen. Beamtenmikado, bei dem ich darauf warte, dass die Zeit verstreicht, war schon immer sehr abschreckend für mich.

Angefangen hat mein Einblick ins Agenturleben Ende 2005, als ich direkt nach dem Studium der Medieninformatik bei Cocomore anfing. Damals war es eine noch recht kleine Agentur mit etwa 15 Festangestellten und einigen freien Mitarbeitern. Die IT befand sich gerade im Aufbau und bestand aus zwei Festangestellten (mich eingerechnet) und drei Werkstudenten. Eine dieser damaligen Werkstudenten ist übrigens heute die Leiterin unserer Softwareentwicklung und verantwortlich für über 20 Mitarbeiter. Auch der Grad der Spezialisierung war damals lange nicht so hoch wie heute: In einer kleinen Firma muss jeder alles können, um schnell und flexibel einsetzbar zu sein. So beschränkten sich auch meine Aufgaben nicht nur auf die Softwareentwicklung – ich übernahm auch Administrationsaufgaben für Webserver und die hauseigene Infrastruktur, unterstützte die Grafik im Bereich Bildbearbeitung und war bei IT-Projekten auch als Consultant für die Konzeption verantwortlich. Im Laufe der Zeit gab ich einige dieser Aufgaben wieder ab, andere kamen neu hinzu.

Carsten Mueller

 

Mit der zunehmenden Größe von Cocomore und neuen technischen Möglichkeiten spezialisierten sich die Themengebiete der Agentur und die Tätigkeitsbereiche der Mitarbeiter mehr und mehr – unsere Arbeit gewann an Professionalität. Wenn ich mich daran zurückerinnere, wie ich zu Beginn meiner Laufbahn im Kellerraum vor dem hauseigenen Mailserver stand, um diesen wieder zum Laufen zu bekommen (was mir auch gelang) – in Zeiten von Cloud-Dienstleistern und „Software as a Service“ werden viele ITler nie wieder in eine solche Situation geraten. Auch bei Cocomore ist das Mailsystem, das damals das Problem verursacht hatte, mittlerweile extern ausgelagert – und keiner der Kollegen muss mehr für den regelmäßigen Server-Check in den Keller laufen.

Anekdoten wie diese gibt es natürlich viele. Wenn ich zum Beispiel an die letzten Wochen in unserem alten Gebäude zurückdenke, als Cocomore im Gegensatz zu den Büroräumen sehr stark gewachsen war und sich viele Personen eine einzige DSL-Verbindung teilen mussten – da fühlte ich mich an WG-Zeiten aus dem Studium zurückerinnert. Später zogen wir dann in unser jetziges Gebäude im Bahnhofsviertel, das über einen Aufzug, klimatisierte Räume und eine eigene Standleitung verfügt. So manche Dinge wurden durch den Umzug professioneller und besser. Und während wir früher nur eine Etage belegten, beanspruchen wir heute 4 Etagen sowie zwei weitere Standorte für die nun insgesamt rund 160 Mitarbeiter.

Generell ist der Vergleich einer Agentur mit einer WG meines Erachtens manchmal gar nicht so abwegig. Man arbeitet zusammen, man isst zusammen, man räumt zusammen die Spülmaschine in der Küche ein und aus und man geht zusammen feiern (oft und viel). Es gab Zeiten, da habe ich meine Kollegen häufiger gesehen als meine Frau. Das ist sicherlich auch ein Faktor, der das Arbeiten in einer Agentur von dem in einer Behörde oder einem Großkonzern unterscheidet und dem Begriff „Agenturleben“ Farbe verleiht. Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass der fast schon familiäre Zusammenhalt unter Kollegen auch sehr stark von der Größe der Firma abhängt. Damals mit 15 Personen kannte jeder jeden und man sah sich täglich auf dem Gang. Bei rund 160 Kollegen ist das heute nicht mehr der Fall. Zwar hat sich das WG-Feeling von damals etwas verloren, aber innerhalb der Teams ist das Zusammengehörigkeitsgefühl bei Cocomore immer noch stark. Das gilt auch standortübergreifend: Ende 2013 wurde unser Büro in Sevilla eröffnet, in dem viele meiner direkten Kollegen aus der Softwareentwicklung sitzen.

Technische Neuerungen, die meine Arbeit als Entwickler veränderten

Die Arbeit hat sich in den vergangenen elf Jahren nicht nur durch die größer werdenden Teams und strukturelle Veränderungen beziehungsweise durch neue Abteilungen und Dienstleistungen verändert. Auch auf technologischer Ebene hat sich viel getan. Als ich bei Cocomore anfing, wurde mittels FTP auf einem zentralen Entwicklungsserver gearbeitet. In der Praxis bedeutete dies, dass sich alle Entwickler, die gerade da waren, auf dem Server verbunden haben und dort ihre Codeanpassungen vornahmen. Der Code wurde von dort aus dann auf die Test- oder die Liveumgebung kopiert. Natürlich nicht immer ohne Komplikationen – denn wenn alle im gleichen System arbeiten, muss man sich gut absprechen, um nicht versehentlich die Code-Änderungen eines Kollegen zu überschreiben.

Dann wurde CVS eingeführt, eine Versionsverwaltung für Code. Hier wurde der Code jedes Entwicklers zentral eingepflegt und von dort aus auf die verschiedenen Umgebungen gespielt. Es war ein Fortschritt, auch wenn die Handhabung von CVS nicht gerade die beste war. Aber es verhinderte, dass Entwickler sich gegenseitig ungewollt behinderten. Etwas später kam Subversion (SVN), das hinsichtlich der Handhabung wesentlich besser war und das die Möglichkeit bot, Entwicklungszweige (Branches) zu erstellen und somit unterschiedliche Softwarestände für verschiedene Umgebung zu handhaben. Gerade im manchmal doch recht dynamischen Agenturumfeld war dies eine segensreiche Hilfe. Und dann kam Git. Eigentlich kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, mit etwas anderem als Git zu arbeiten. Die Möglichkeit, schnell und einfach Feature-Branches zu erstellen, dezentral zu arbeiten und ohne große Aufwände verschiedene Entwicklungszweige wieder zusammenzuführen, hat meiner Meinung nach die Softwareentwicklung revolutioniert. Und allen, die noch mit Subversion arbeiten (falls es noch welche da draußen gibt), rate ich dringend zu wechseln.

 

Auch hinsichtlich der IDEs zur Bearbeitung von Code hat sich sehr viel getan. In den elf Jahren habe ich viele verschiedene IDEs (wenn man sie denn alle so nennen möchte) verwendet, vom einfachen Texteditor in Windows oder vi(m) auf Linux über Eclipse, NetBeans bis hin zu PHPStorm. Wie auch Git so möchte ich PHPStorm heutzutage nicht mehr missen. Darüber hinaus haben sich die Möglichkeiten der Softwareentwicklung, gerade im Bereich PHP, in den vergangenen Jahren massiv verbessert. Wenn ich daran denke, mit welchen eingeschränkten Möglichkeiten damals entwickelt wurde und wie Softwareentwicklung im Jahr 2017 aussieht, dann fällt meine Entscheidung sehr schnell zugunsten der heutige Zeit aus. Zumindest aus Sicht eines Entwicklers war also früher nicht alles besser.

Ich hatte anfangs erwähnt, dass ich zu Beginn bei Cocomore auch Aufgaben in der Administration wahrgenommen habe. Seit einigen Jahren schon haben wir hierfür eigene Systemadministratoren, die das wesentlich besser können als ich. Doch im Bereich DevOps war ich auch weiterhin tätig und verantwortlich für das Deployment von Software oder dem Einrichten von MySQL-Replikationen. Auch hier hat sich sehr viel getan: Während es früher nur physische Server gab, die in einem Rack standen und die man richtig anfassen konnte, so wird heute sehr viel über virtuelle Server geregelt. Dank VMWare und Virtualbox beispielsweise kann man sich relativ schnell und einfach eine neue virtuelle Umgebung erstellen und diese danach auch direkt wieder wegwerfen. Und in Zeiten von Docker und dem Einsatz von Containern wird das Ganze noch besser und schneller. Nie zuvor war es so einfach möglich, Umgebungen zu erstellen und wieder zu verwerfen. In Kombination mit Cloud-Dienstleistern eine sehr effiziente und kostengünstige Lösung. Hinzu kommen viele weitere Entwicklungen, wie die Software Jenkins, durch die Abläufe einfach automatisiert werden können. Deployments werden heute mittels Knopfdruck durchgeführt. Früher war das wesentlich mehr Aufwand, mit manuellen Abläufen und Checklisten. Hätte mir das jemand im Jahre 2005 erzählt, ich hätte es als Science Fiction abgetan. Und ich freue mich auf die Dinge, die da noch kommen werden.

Apropos Science Fiction: In den elf Jahren gab es weitere revolutionäre Umbrüche. Vor zehn Jahren kam zum Beispiel das Smartphone auf den Markt. Vorher war mobiles Surfen im Internet nicht wirklich nutzbar, zumal der Trend zunächst zu immer kleineren Handys ging. Ich glaube, 2005 hatte ich ein Nokia 3310. Damit konnte ich telefonieren und auf einem grünen Display SMS schreiben. Es gab WAP zum Surfen im Internet, aber das war teuer und weit weg vom heutigen Standard. Das Smartphone hat nicht nur die Welt für den Nutzer revolutioniert, sondern auch die Webentwicklung. 2005 sprach niemand von Responsive Design. Heute wird eigentlich jede Seite so gebaut, und der „Mobile First“-Ansatz ist stark verbreitet.

Unser Einstieg in die Drupal-Community

Ein ganz wesentlicher Teil meiner Arbeit bei Cocomore war auch die Entwicklung von Drupal. Bevor wir uns hierauf spezialisierten, haben wir eigentlich alles selbst programmiert. Doch ein neuer IT-Leiter brachte damals frischen Wind und den Ansatz, auf bereits Vorhandenes zurückzugreifen, um so Funktionen schneller, günstiger und besser bereitstellen zu können. Da lag es nahe, auf frei verfügbare, kostenlose Software zurückgreifen, die von einer großen Community laufend getestet und weiterentwickelt wird – ein Konzept, das für alle einleuchtend war. Ich war damals in den Entscheidungsprozess involviert und aus verschiedensten Gründen fiel die Wahl auf Drupal. Und  diese Wahl haben wir nie bereut.

 

Anfang 2007 kam gerade Version 5.0 raus. Mit dieser neuen Version, die noch die eine oder andere Kinderkrankheit aufwies, machten wir uns daran, ein größeres Web 2.0-Kundenportal, wie es damals so schön hieß, auf Drupal-Basis zu bauen. Wir haben es in nur drei Monaten hinbekommen, mit einem zu damaligen Zeiten erstaunlichem Funktionsumfang. Aufgrund dieser positiven Erfahrung, der stark wachsenden Drupal-Community, der daraus resultierenden Zukunftssicherheit sowie der großen Flexibilität des Systems, entschieden wir uns dafür, Drupal zu unserer Kerntechnologie zu machen. Fortan wurde der Großteil der Projekte bei Cocomore mit Drupal umgesetzt und wir haben es nie bereut. Seit etwa einem Jahrzehnt setzen wir Drupal nicht nur für unsere Kundenprojekte ein, sondern haben geholfen, es aktiv weiterzuentwickeln. Es gibt nicht viele Agenturen in Deutschland, die das von sich behaupten können.

Den Mitarbeitern ermöglichte Cocomore, zu Drupal-Treffen in ganz Europa zu reisen, damit wir uns dort mit der Community austauschen konnten. Auch eine Reise in die USA nach Denver war dabei. Bis heute ist Cocomore ein sehr aktives Mitglied in der Drupal-Community – in Frankfurt und in Sevilla. Besonders stolz bin ich auf meine spanischen Kollegen, die es geschafft haben, dass die Drupal Developer Days, eines der wichtigsten Drupal-Events, dieses Jahr in Sevilla stattfinden. Und es ist auch wieder ein Drupal Camp in Frankfurt in Vorbereitung.

Was ich zum Schluss noch loswerden möchte

Die Drupal-Community mit aufzubauen, gehört definitiv zu meinen Highlights bei Cocomore. Ferner gab es sehr viele lustige Erlebnisse in all den Jahren, etwa Telefonkonferenzen mit Indien. Es dauert schon einige Zeit, bis man sich an den Dialekt und die Mentalität gewöhnt hat. Gleiches gilt auch für so manchen Kunden. Zu vielen haben wir ein sehr gutes Verhältnis, besonders natürlich zu unseren langjährigen Bestandskunden. Bei dem einen oder anderen, von denen man sich im Laufe der Zeit auch getrennt hat, treffen jedoch auch die Sprüche und Beschreibungen auf der Website „Kunden aus der Hölle“ zu. Zum Glück hatte ich von dieser Sorte wenig, sonst wäre ich wohl auch nicht elf Jahre bei Cocomore geblieben.

Ich habe noch viele Anekdoten aus meiner Zeit bei Cocomore, die eine eigene Geschichte wert wären – diese erzähle ich aber vielleicht eher inoffiziell bei einer abendlichen Runde Bier. Festzuhalten bleibt mir zum Schluss vor allem eines: Ich fing als kleiner Entwickler bei Cocomore an und konnte mich zum Lead Developer und Teamleiter, bis hin zum Co-Leiter der gesamten Software-Abteilung bei Cocomore hocharbeiten. Ich durfte an vielen (Groß-)Projekten mitarbeiten, habe dabei fantastische Menschen und unterschiedlichste Nationalitäten kennengelernt. Ich habe mich in meinem Team als wichtiger Teil einer Familie gefühlt. Ich wünsche Cocomore weiterhin eine erfolgreiche Zukunft und möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die mich in all diesen Jahre begleitet und mich so lange „ertragen“ haben ;-). Wir bleiben in Verbindung.