Mein Jahr als Trainee bei Cocomore

30.07.2018

Ein Bericht von Julian Ebelhäuser (User Experience Designer)

Julian Ebelhäuser

Jeder Student kennt sie, diese eine nervige Frage: „Was wirst Du mit deinem Abschluss später machen?“ Auch mir wurde diese Frage während meines Master Studiums im Fachbereich Psychologie (Schwerpunkt: Human Factors Engineering) häufig gestellt. Mein Portfolio listete bis dato überwiegend Research Skills und Verständnis für das Verhalten von Menschen auf – eine gewisse Affinität zum User Experience Design war also schon vorhanden. Lediglich mit dem Design-Aspekt hatte ich bisher noch wenig Bekanntschaft gemacht.

Bei meinen ersten Schritten ins Berufsleben habe ich mich dann für ein UX-Praktikum bei Cocomore entschieden. Genau richtig, um einen Einblick in die Arbeit einer Digitalagentur zu erhalten und herauszufinden, ob mir Design und insbesondere das User Experience Design tatsächlich liegt. Mein Interesse noch tiefer in die Materie einzusteigen und mich in dieser Richtung weiterzuentwickeln war schon nach kurzer Zeit geweckt. Ein Traineeprogramm war der nächste logische Schritt.

Was heißt es, Trainee bei Cocomore zu sein?

Tatsächlich gab es erst mal keine große Veränderung zu meinem Studium, denn das Vertrauen, eigenständig und proaktiv arbeiten zu können, wurde mir von Tag eins an entgegengebracht. Die Inhalte meines Traineeprogramms haben meine Vorgesetzte Judith und ich zusammen erarbeitet und waren vor allem darauf ausgerichtet, konkrete Wissenslücken zu schließen. Anfangs hatte ich den Eindruck, dass die Menge der Lerninhalte ein ziemlich vollgepacktes Jahr ergeben könnte. Rückblickend hatte ich aber nie das Gefühl von den Inhalten überwältigt zu werden – jedes Thema hat seine angemessene Aufmerksamkeit bekommen.

Das Programm bestand aus einem theoretischen und einem praktischen Teil – die allerdings wie bei der Führerscheinprüfung eng miteinander verbunden waren. Ziel des theoretischen Teils war es, Sicherheit im Umgang mit dem gängigen Handwerkszeug eines UX-Designers zu erlangen. Dazu zählen z. B. Methoden wie Usability Tests und Expert Reviews, aus denen dann Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Diese beziehen sich bspw. auf Teile der Informationsarchitektur wie dem Navigationsprinzip oder der Seitenstruktur einer Website.

Um meine Ideen testen und validieren zu können, war es wichtig, fit im Umgang mit Wireframe- und Prototyping-Tools zu werden. Bei Cocomore nutzen wir dafür Sketch und Principal. Während der Arbeit mit den Tools habe ich immer wieder gemerkt, wie hilfreich es ist, mehrere Varianten zu entwickeln, um so zu testen, ob die erste Idee auch tatsächlich die beste ist. Und oft war sie es nicht. Eine andere große Erkenntnis war, wie wichtig eine visuelle Darstellung der Ideen ist – besonders in der Kommunikation mit dem Kunden. Hierbei sind Wireframes die eine Sache, aber am Ende geht nichts über die Aussagekraft einer animierten Produktdarstellung.

Der praktische Teil meines Traineeprogramms beinhaltete operatives Mitwirken an realen Projekten. Eines der umfangreichsten Projekte war dabei der digitale Relaunch des drittgrößten Kabelnetzanbieters in Deutschland, PYUR. Die Challenge war, neu geschaffene Markenwerte sowie ein neues Produktportfolio passgenau für die Zielgruppe aufzubereiten und in eine komplett neue Website zu integrieren. Insgesamt dauerte die Relaunch-Phase fast sechs Monate – eine intensive Zeit, die immer wieder neue Herausforderungen mit sich brachte. Auch nach dem Relaunch arbeiten wir noch stetig daran, die Seite zu verbessern und neue Anforderungen umzusetzen. Live zu verfolgen auf www.pyur.com. Bei solchen großen Projekten habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, meine Arbeit zu strukturieren und Prioritäten zu setzen, um nicht den Überblick zu verlieren und vor Deadlines nicht in Stress zu geraten. Auch für die Zusammenarbeit im Team ist die persönliche Organisation enorm wichtig, da andere von der eigenen Arbeit abhängen und sich auf mich verlassen. Das war einer der wichtigsten Lernprozesse.

Um einen Überblick über meine Entwicklung zu behalten, haben Judith und ich uns regelmäßig zusammengesetzt, den Status evaluiert und den Fokus auf die nächsten Themen meines Lernprogramms gerichtet.

Key Learning

Persönlich fand ich es während meiner Zeit bei Cocomore am spannendsten, wie sich parallel zu meinen handwerklichen Skills auch mein Selbstverständnis als UX-Designer in dieser Zeit entwickelt hat. Wenn ich zu Beginn meines Praktikums gefragt wurde, was ich denn beruflich mache, war meine Antwort: „Ich bin Konzepter – ich kümmere mich um die Nutzerführung auf Websites“. Damit war das Thema dann auch schnell abgehakt. Wenn ich heute gefragt werde, was ich beruflich so treibe, sage ich: „Ich bin Designer“. Interessant, denn in der ersten Zeit bei Cocomore habe ich mich selbst nie als Designer gesehen – für mich war Design etwas, das überwiegend durch visuelle und grafische Aspekte geprägt ist.

Auf der Digitalkonferenz „Beyond Tellerand“ in Berlin traf ich zum ersten Mal auf Menschen, die ihre Teams „Designer im Kollektiv“ nannten. Auf der Interaction 18 in Lyon fiel dann auch bei mir der Groschen: Ich als UXer kann als Erster Hand an ein Produkt legen. Ich bin es, der die digitale Reise des Nutzers in ihrer Form definiert und gestaltet. Es gilt das Prinzip des User Centered Design. Die tatsächliche Challenge ist es, die Wünsche und Vorstellungen des Kunden mit denen des Nutzers unter einen Hut zu bringen. Die Conversion, also die vom Unternehmen gewünschte Aktion des Nutzers, spielt eine wichtige Rolle.

Das Mantra, den Nutzer wieder in den Mittelpunkt zu stellen, ist mir während meines Traineeprogramms immer wieder begegnet. Meiner Meinung nach müssen wir zudem verstärkt hinterfragen, für welchen Zweck wir gewisse Produkte designen. Auf den Punkt hat es für mich auch Alan Cooper in seiner Keynote auf der Interaction 18 (Alan Cooper, The Oppenheimer Moment https://vimeo.com/254533098) gebracht. Sein persönliches, allem anderen übergeordnetes Design-Prinzip ist: „Become a Good Ancestor“ – ein Aufruf dazu, sich bewusst zu machen, was man zukünftigen Generationen hinterlässt.

Das Arbeiten bei Cocomore

Warum Cocomore und nicht ein großes Digitalunternehmen à la booking.com, trivago oder Google? Ehrlich gesagt war es anfangs mehr eine Entscheidung aus dem Bauch heraus und wie so oft sind das die besten Entscheidungen. Ich wollte so schnell wie möglich so viel Wissen wie möglich sammeln. Und habe dabei die Vorteile der Arbeit in einer Agentur kennengelernt. Durch schnelle Prozesse, kleine Teams und immer wechselnde Projekte stieg meine Lernkurve ständig. Gerade das Arbeiten in den kleinen Teams und die ständige Kommunikation sorgen dafür, dass der Wissensaustausch zwischen den verschiedenen Gewerken hochgehalten wird. Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, haben unheimliche Lust darauf, ihr Wissen miteinander zu teilen und fordern es ein, dass Wissen mit ihnen geteilt wird. Und da wir alle „Designer im Kollektiv sind“, lässt sich so am besten lernen wie ein Designer zu denken.

Next Steps

Während meines Traineeprogramms bei Cocomore habe ich gelernt, dass das Feld Kreation/Design sehr vielseitig ist. Und ich glaube, dass es für jeden, der sich in diesem Feld bewegt, darum geht, die Nische zu finden, die zu den persönlichen Ideen, Idealen, Interessen und Zielen passt. Dazu braucht es Zeit. Wichtig ist, dass man während dieses Findungsprozesses – und auch danach – über den Tellerrand hinausschaut. Dank meines Traineejahres fühle ich mich jetzt breit genug aufgestellt, um mich weiterhin bei Cocomore als Junior UX-Designer in die verschiedensten Prozesse einzubringen und mit der Zeit zu schauen, in welche Richtungen ich mich spezialisieren möchte.